Den „Pumuckl“ habe ich nie gemocht. Ich fand die Schreinerei des alten Eders düster und den Kobold schrill, Bayerisch klang für mich nach dunklem Wald, nach Bergenge und altem Mann. Ich aber liebte das flache weite Land und träumte mich nach Norden.
Nun hab ich ein Münchner Kind. Selbstredend gingen wir in „Pumuckl“. Der neue Eder ist ein gutaussehender, noch junger Mann, den Kobold hat er mit der Schreinerei geerbt. Dieser neue Eder wird aufs Land gerufen und erhält ein großes Angebot. Er könnte eine Werkstatt übernehmen und modernisieren. Und der Eder wittert Morgenluft. Fast sieht es danach aus, als wollte er in dieses neue und verheißungsvolle Leben aufbrechen – , wäre da nicht Pumuckl. Der Kobold hält den Eder fest, so gut er kann, und hat schließlich Erfolg. Zurück in München singt der Eder ihm ein Liebeslied vor Publikum, und als wäre das nicht schon genug, drücken die beiden vor der Schreinerwerkstatt ihre Hände in noch flüssigen Beton.
Das hier ist für immer.
Während die Kinder sich schon regten und der Abspann lief, war mir merkwürdig zumute. Ein Unwohlsein, nein, mehr, ein Unbehagen. Der Eder tat mir leid. Der wollte doch nur leben. Eine größere Werkstatt leiten, sich vielleicht verlieben, Kinder haben oder nicht. Der Eder war noch jung – und da hockte dieser kleine Untote in seiner hundert Jahre alten Schiffschaukel und wollte diesen jungen Eder ganz.
Auf der Leinwand las ich „Hans Clarin“. Der war im August gestorben und hatte zeitgleich unverwechselbar den Pumuckl gesprochen. Nein: Für die Kinofilmfassung wurde Maxi Schaffroths Stimme mithilfe von AI in Clarins umgegossen.
Voller Unruhe erhob ich mich.
Draußen umfing uns frühe Winterdunkelheit. Die Kinder sangen und hüpften über die Isarbrücke. Ich guckte in den dunklen Strom und dachte an zwei Männer, an einen, der nicht leben durfte, und an einen anderen, dessen Stimme weiter scherzte, nachdem er gestorben war.
War es das, was der Filmtitel uns sagen wollte?
Wir meinten, einen Kinderfilm zu sehen, aber H Punkt Rosenmüller hat ein Horrordrama neu gefasst. Darin liegt das große Missverständnis. Sein Pumuckl ist mächtiger als Dracula, unheimlicher als das Mädchen Eli in meinem Lieblingsgruselfilm „So finster die Nacht“. In dem kleinen orangehaarigen Kobold wird das manifest, was uns erwarten könnte: ewiges Verfügbarsein.
Ich dachte an etwas, das ich kürzlich im „Spiegel“ las. In einer Zukunft, die nur eine Handbreit vor uns liegt, könnten Pflege-Roboter in Altenheimen mit den Stimmen früherer Geliebter, Freunde und Verwandter unser Wegdämmern synchronisieren. Wir würden Menschen, die wir liebten, nicht mehr an den Tod verlieren: Sie würden einfach immer weiterreden. Ihre Stimmen und ihr Lachen würden uns umfangen, und womöglich wäre das so ähnlich wie da, in der Schreinerei des alten Eders, wo der junge Eder jetzt mit seinem Pumuckl gefangen ist. Schummerig-warm. Halbdunkel. Eng. Und unheimlich. Mit einem Hauch von künstlichem Aroma: Sägespäne.
Ein jedes hat seine Zeit, heißt es in Kohelet, bei Salomo.
Heute, an einem neblig-kalten Tag im Januar, bin ich froh, dass ein Kalenderjahr zu Ende ist.
In der Zeit zwischen den Jahren hab ich schlecht geschlafen.
Einmal erwachte ich in Schweiß. Ich erinnerte mich nicht an meinen Traum, aber ich hatte noch das Quietschen einer Schiffsschaukel im Ohr.