Zwei Männer im Zug

Es war am letzten Sonntag. Ein Septemberabend, wo der Himmel aussah wie mit Farbfilter, mit diesem sanften unwirklichen Glow, und in der Luft stand Restwärme. Die Füße taten mir ein bisschen weh, und ich wurde das Gefühl nicht los, dass irgendwann mal alles schlecht ausgeht.

Im ICE aus der niedersächsischen Provinz nach München standen Leute in den Gängen, eine Mutter schaukelte mit immer gleichem Schwung ihr Kind, ich dachte an ein Metronom. Niemand redete, es war zu eng und alle waren müde. Viele trugen die Uniform der Bundeswehr.

Kurz dachte ich darüber nach, einfach an meinem reservierten Platz vorbeizugehen. Ich hatte keine Lust, jemanden aufzuscheuchen. „Tut mir leid“, murmelte ich schwach, als ich meine Sitznummer gefunden hatte. Eine junge Frau mit blondem Haar sah hoch, zuckte mit den Schultern und stand auf. Ein Vierertisch. Neben ihr war jemand eingenickt und saß zusammengesunken da. Ihr gegenüber zwei Männer, Freunde offenbar, die sich jetzt unterhielten.

Ihre Sätze surften auf dem Schweigen, keine Chance, wegzuhören.

Sie sprachen von der jungen Frau und mir.

„Das war kein guter Tausch“, sagte der eine.

„Eine Verschlechterung“, gab sein Freund ihm recht.

Als ich mich nach der jungen Frau umsah, war sie schon verschwunden. Ich schälte mich aus meiner Jacke und wuchtete die Reisetasche ins Gepäckfach, setzte mich und kramte im Rucksack nach meinem Handy. Die Signal-Chat-Ansicht verschwamm. Was hatte ich noch schreiben wollen? Wem?

Die beiden machten weiter und mir war nicht wohl.

„Da kann man nichts machen.“

„Schön ist das nun wirklich nicht.“

Jetzt zwang ich mich, den Kopf zu heben und die Männer anzusehen. Beide hatten ungefähr mein Alter. Sie würden nicht aufhören, das hier machte ihnen Spaß.

„Vielleicht könnten Sie ihr nachgehen?“, schlug ich vor.

Sie reagierten nicht, sahen nur, was sie erwartet hatten: mein gerötetes Gesicht. In ihrem Drehbuch stand nicht, dass ich Redeanteil hätte.

„Das war äußerst unfreundlich“, setzte ich halblaut hinzu.

Da sah mich der eine gerade an. „Von Ihnen oder uns?“

Stumm saßen wir eine Weile da.

Der Mann neben mir machte ein schnorchelndes Geräusch, während ich aufstand, auf die Zehen ging und meine Tasche ungelenk herunterzog.

„Ich kann nicht mit Ihnen beiden hier an einem Tisch sitzen“, sagte ich. „Das schaff ich einfach nicht.“

Keiner der beiden Männer rührte sich.

Der ICE war überbucht, ich ging immer weiter durch, fand nirgends Platz und hockte mich am Trennglas zur 1. Klasse auf den Boden.

Zwei Männer hatten mich dazu gebracht, dass ich mich schämte, weil ich erstens eine Frau, zweitens über vierzig war und drittens einen Platz in Anspruch nahm, für den ich vorher bezahlt hatte. Weil ich meinen Platz behauptete.

Die Übung war nicht originell: Public Shaming diente, sagt google, schon in der Antike dem Erhalt der Ordnung.

Es ging also um Macht, an einem Septemberabend im ICE nach München, aus der niedersächsischen Provinz.

Du schämst dich nicht dafür, was du getan hast, meint die Feministin Brenée Brown, du schämst dich dafür, wer du bist. Schuldgefühle seien grundsätzlich mit Tun verbunden, Scham mit Sein.

Wer aber war ich?

Ich, mit meinen Krähenfüßchen, meiner nachgebenden Haut und Knochen, die beim Gehen knackten. An einem Vierertisch der zweiten Klasse, ICE nach München war ich zur Gefahr geworden für die Männerordnung.

„Sie Arschloch“, dachte ich, zufriedener. „Mit Ihnen kann ich nicht an einem Tisch sitzen. Sie haben ja Angst vor mir.“

Scham und Stolz, zwei mal fünf Buchstaben mit einem Anlaut.

Der ICE war überfüllt und viele junge Leute trugen Uniform. Keiner redete, es war zu eng. Ich war nicht mehr müde.

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*