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Hier erzählen Frauen.

Im Oktober: Maria Filali

„Für mich geht es um Freiheit.“

Wir werden oft gefragt: „Warum macht ihr das? Warum tanzt ihr in Anzügen?
Man sieht eure Körper nicht!“
„Genau deshalb“, antworte ich. „Damit du anfängst, etwas anderes zu sehen.“

Maria Filali, Oktober 2026

Maria ist Weltklassetänzerin. Ich habe sie um ein Interview gebeten, weil mich ihr Ausdruck so berührt. Und weil sie derzeit mit einer Frau auftritt – noch immer ist das im Tangokosmos etwas Besonderes. Maria schaltet sich von einem Campingplatz in Südfrankreich zu, im Hintergrund das Grün von Pinien. Sie spricht schnell, bildhaft, mit einer Direktheit, die mich überrascht. Diese Frau kann alles, denke ich. Maria versteht Deutsch, ihr Vater war Diplomat. Mit achtzehn habe sie zum ersten Mal in Frankreich gelebt, obwohl Französisch ihre Muttersprache sei, erzählt sie. Maria ist in vielen Ländern aufgewachsen. „Ich habe früh gelernt, was das heißt, zu verschwinden,“ sagt sie. „Wenn du einen Ort verlässt, erinnerst du dich – aber die anderen vergessen dich. Die Lücke, die du hinterlässt, wird scheinbar schnell wieder geschlossen.“ Dieses Gefühl verbindet sie mit dem Tango: einem Tanz der Entwurzelten, der Einwanderer, derjenigen, die zwischen mehreren Welten leben.

Du bist mit weltbekannten Tänzern aufgetreten. Und dann, an einem Punkt deiner Karriere, mit einer Frau: Sigrid van Tilbeurgh. Das hat mich neugierig gemacht …

Es ist eigentlich ganz einfach – und gleichzeitig überraschend, sogar für mich selbst. Ich habe gemerkt, dass das Geschlecht meines Tanzpartners viel weniger entscheidend ist, als ich lange dachte. Ich hatte nie das Gefühl, im Widerspruch zu Männern oder zum Männlichen an sich zu stehen. Im Tango gibt es dieses Grundnarrativ von „Leader“ und „Follower“, historisch verknüpft mit Mann und Frau. Rollenbilder, die heute zu Recht hinterfragt werden. Aber für mich waren sie damals mit ein Grund, warum ich mich für Tango Argentino entschieden habe und nicht etwa für Flamenco oder zeitgenössischen Tanz. Ich habe die Rolle der Followerin immer geliebt. Sie hat sich für mich nie begrenzt oder langweilig angefühlt – im Gegenteil. Sie ist reich, subtil, anspruchsvoll. Das, was diese Rolle schwierig macht, ist etwas anderes: als Follower in der traditionellen Situation bist du abhängig davon, ausgewählt zu werden, um überhaupt tanzen zu können. Was mir fehlte, war die Freiheit, zu tanzen, wann immer ich wollte.

Hast Du von Anfang an beide Rollen getanzt und auch geführt?

Gelernt habe ich es von Anfang an, um im Unterricht unabhängiger zu sein. Aber im sozialen Umfeld der Milonga (trad. Tango-Tanzabende) war die Situation komplizierter.
Ich hatte damals das Gefühl, dass mich manche Frauen als Plan B betrachten würden: als würden sie nicht mit mir tanzen, weil sie es wirklich wollten, sondern, weil es einfacher ist, eine Freundin aufzufordern, als auf eine Einladung durch den Cabeceo (trad. Aufforderung zum Tanz durch Suchen von Blickkontakt) eines Mannes zu warten. Und ich hatte den Eindruck, dass damals viele Männer Frauen, die auf der Milonga führten, als eine Form von Konkurrenz wahrnahmen – in einem ganz archaischen Sinn, beinahe „animalisch“, als Revierfrage. Und wenn diese Frauen später in die klassische Rolle der Followerin zurückkehren wollten, bekamen sie das zu spüren: indem sie zum Beispiel nicht mehr aufgefordert wurden. Für mich sah es so aus, als müsste eine Frau, die führte, einen gewissen Preis dafür bezahlen.

Also habe ich mich entschieden, das Führen über viele Jahre auf den Unterricht und auf die Arbeit im Studio zu beschränken. Dort konnte ich frei lernen, forschen und verstehen.

Aber irgendwann kam ich an einen Wendepunkt. Und der ist mit meinem Nein verknüpft. Damals wusste ich nicht, was ich heute weiß: wie zentral dieses Nein für mich sein würde.

… Du kommst mir zuvor … ich wollte nach Deinem Nein fragen.


Es begann mit einer Einladung ins Théâtre de la Ville, in Paris. Ein ehemaliger Tanzpartner von mir fragte, ob ich dort mit ihm auftreten würde. Da die Programmplanung weit im Voraus stattfand, brauchte er eine Antwort. Ich verdanke ihm sehr viel und schätze ihn ganz besonders, also sagte ich zu.

Ein paar Wochen später kam eine zweite Einladung: Buenos Aires! Und genau dieselben Tage. Diese Einladung richtete sich an meinen derzeitigen Partner – jung, ehrgeizig, auf dem Sprung – und an mich.

Plötzlich standen sich zwei Pole gegenüber: Meine Vergangenheit und meine Wahlfamilie, ein Wort, das ich gegeben hatte. Und auf der anderen Seite Aufbruch, Karriere, ein ganz neues Kapitel, für das Buenos Aires stand. Ich suchte nicht nach einer pragmatischen Lösung, sondern nach innerer Klarheit. Also bemühte ich mich zunächst, für Paris eine mögliche Vertretung zu finden. Als ich die gefunden hatte und wusste, dass ich nach Buenos Aires fahren konnte, war ich endlich frei, in mich hineinzuhören, ohne äußeren Druck. Was wollte ich wirklich tun? Was war mein Wunsch?


Und dann war die Antwort da. Ich wollte in Paris bleiben. Dem Wort treu bleiben, das ich einem Freund gegeben hatte. Und mir selbst treu bleiben. Aus Sicht meiner Karriere war das vielleicht nicht unbedingt richtig. Aber für mich als Mensch war es das zweifellos.

Im Tango wie im Leben wägt man ständig ab: Der eine, glänzende Moment, im Licht, oder das, was leiser ist, aber auf Dauer trägt – Beziehungen, Vertrauen, Kontinuität.
Mit der richtigen Technik kannst du jedem das Gefühl geben, außergewöhnlich zu sein. Aber echte Begegnung entsteht woanders.


Also entschied ich mich für Paris. Mein derzeitiger Tanzpartner reiste nach Buenos Aires – mit einer anderen Tänzerin, so jung wie er, und ebenso ehrgeizig. Damit trennten sich unsere Wege – und das war nicht leicht für mich.


Die Frau mittleren Alters, die durch eine jüngere ersetzt wird – war das die Geschichte, die man damals über dich erzählt hat?

Im Rückblick glaube ich, dass es vor allem meine war. Ich habe mich selbst zur Hauptfigur dieser Geschichte gemacht. Dabei war ich es, die entschieden hatte. Und heute weiß ich, worum es damals wirklich ging: um Freiheit. Gedankliche Freiheit und Freiheit des Herzens. Worum geht es mir im Leben? Mit welchen Menschen will ich mich umgeben? Und was bin ich bereit, dafür zu geben – oder nicht mehr zu geben?

Und dann, nach über zwanzig Jahren Tango, kam Covid – ein radikaler Bruch. Eine Pause, Zeit zum Nachdenken. Ich wusste: Ich kann nicht einfach weitermachen wie bisher. Und ich wollte nicht aus bloßer Gewohnheit die nächste Tanzpartnerschaft eingehen.

Sigrid und ich kannten uns seit mehr als zwanzig Jahren, seit unseren Anfängen in Paris. Nach Covid standen wir beide ohne Partner da. Wir machten einander Mut. „Wenn wir da lebend rauskommen“, sagte ich, „könnten wir vielleicht zusammen unterrichten.“

Wollte ich weiter mit einem Mann tanzen, nur weil er ein Mann war? Oder lieber mit einer Kollegin, die mich inspirierte und mit der ich wirklich gerne zusammenarbeitete?

Und dann stellten immer mehr Menschen aus unserem Umfeld die Frage: Warum tanzt ihr nicht zusammen?

Plötzlich wusste ich: Ich wollte es versuchen.

Keine von uns wollte die andere zur Leaderin machen. Und keine wollte selbst diese Rolle übernehmen. Also mussten wir etwas Anderes, etwas völlig Neues erfinden. Eine Verbindung ohne vorher festgelegten Lead. Einen Tanz, der aus Musik, Bewegung und Flow entsteht. Heute sagen Sigrid und ich im Scherz: Wenn wir tanzen, sind wir zu viert. Unsere Alter Egos heißen Sergio und Marco …


Bei Euren Auftritten tragt Ihr Hosenanzüge ..


Ja, wir tanzen immer in Hosenanzügen. Das ist eine bewusste Entscheidung. Wir tragen das Gleiche – wie ein Zeichen, fast wie in der Kalligrafie: reduziert, präzise, ohne Überflüssiges. Es geht nicht darum, Mann oder Frau darzustellen. Jenseits dieser Kategorien sind Sigrid und ich Menschen, die miteinander tanzen.

Wir werden oft gefragt: „Warum macht ihr das? Man sieht eure Körper nicht!“

„Genau deshalb“, antworte ich dann. „Damit du anfängst, etwas anderes zu sehen…“

Unsere Entscheidung ist auch aus einer Beobachtung entstanden – und ich betone ausdrücklich: ich gehe hier von meiner subjektiven Wahrnehmung aus. Ich habe den Eindruck, dass sich manche Frauen, wenn sie führen, körperlich und innerlich verhärten. Struktur wird dann über Strenge definiert, über Geradlinigkeit. Für Sigrid und mich war wichtig, von etwas anderem auszugehen: von Kurven, Spiralen, vom Kreisförmigen. Ich mag den Kreis lieber als das Quadrat.
Interessant ist, dass vor allem Frauen irritiert auf unseren Vorschlag reagieren. Vielleicht, weil er ihr Bild von Weiblichkeit berührt – oder in Frage stellt.

Ist das, was Sigrid und ich machen, überhaupt noch Tango? Diese Frage stellen wir uns jeden Tag.
Darf ich den Tango weiterentwickeln, obwohl ich keine argentinischen Wurzeln habe? Ich denke ja. Respekt vor den Wurzeln bedeutet für mich nicht Stillstand. Ich bin nicht religiös. Wenn ich eine Religion hätte, wäre es Aufrichtigkeit. Ob meine Arbeit anerkannt wird, ist eine andere Frage. Für den Nobelpreis braucht man Anerkennung. Aber es braucht auch Menschen, die bereit sind, gegen eine Wand zu laufen und dabei zu riskieren, sich den Kopf einzuschlagen. Um uns Mut zu machen, nennen Sigrid und ich uns die Eisbrecherinnen.

Ist es für Dich leichter geworden, eine Wahl zu treffen und dich zu entscheiden?

Heute weiß ich, dass ich manchmal wählen muss. Und dass ich es kann. Ich habe begriffen, was für mich wesentlich ist, und dass alles, was ich tue, miteinander verbunden sein soll – wie ein Sternbild. Es gibt eine innere Logik, die alles zusammenhält. Wenn du jung bist, glaubst du, es gäbe noch eine dritte Tür. Aber es gibt immer nur zwei. Und eine davon musst du öffnen. Leicht ist es nicht. Aber leichter.

Maria, ich danke Dir für das Gespräch.

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Im Mai: Melanie Garanin

„Ich habe Nein zum Zerbrechen gesagt.“

Melanie Garanin, 1972 geboren, studierte Zeichentrickfilm in Potsdam-Babelsberg und hat schon für viele verschiedene Verlage zahlreiche Kinder-und Jugendbücher illustriert. Für den Carlsen Verlag zeichnete sie alle acht Bände der Kinderbuchreihe »Pippa Pepperkorn« von Charlotte Habersack. Seit sie 2017 begonnen hatte, an ihrer ersten Graphic Novel „NILS“ zu arbeiten, nennt sie sich allerdings Comiczeichnerin und will am liebsten nichts anderes mehr machen. Sie lebt mit ihrer Familie und einem Haufen Tiere bei Berlin.

 (Selbstportrait: Melanie Garanin)

Kürzlich, in der Stadtteilbibliothek, fiel mir dein Comic „NILS. Von Tod und Wut. Und von Mut“ auf. Ich fing an zu lesen. Als mir klar wurde, dass du darin vom Tod eures kleinen Sohnes erzählst, wollte ich wieder aufhören, aber ich konnte nicht: Dein Buch ist so berührend und schmerzhaft und schön. Du erzählst auch von der Wut darüber, dass euer Sohn nicht hätte sterben müssen, wenn man in der Charité die richtige Diagnose gestellt hätte. Eure Klage gegen die behandelnden Ärzte blieb erfolglos. Du hast damals einen Comic geschrieben und gezeichnet, anstatt aufzugeben. Wie kam es dazu  – und wie hast du das geschafft?

Ich habe Ende 2016 oder Anfang 2017 angefangen, das Buch zu schreiben. Da war alles schon gelaufen. Wir haben Schmerzensgeld bekommen, wir haben geklagt, die Klage wurde abgewiesen und wir standen da und hatten nichts erreicht und es war nichts passiert. Das war wie ein abgeschlossener Kreislauf. Und dann haben wir gesagt, jetzt, wo eigentlich alles vorbei ist, möchten wir, dass die Welt davon erfährt. Wir wollten das an die Öffentlichkeit bringen. Ich habe so sehr versucht, die Presse auf unsere Geschichte aufmerksam zu machen, aber keiner hat sich dafür interessiert. Es gab schon mal einen kleineren Artikel, aber keiner hat sich da so richtig dran getraut. Journalisten sagten uns, in das Thema müsse man so tief reingehen, das sei teuer, und dann müsse man auch alles beweisen, das sei nicht ungefährlich, eine so große Klinik und so weiter.

Damals sagte eine Freundin von mir, die selber Journalistin ist und Filmemacherin: „Mach du es doch. Erzähl die Geschichte selbst, so wie sie war, dann kann dir auch niemand reinreden.“

Ich erinnere mich nicht mehr so genau – das ist schon sieben, acht Jahre her, und so kurz, nachdem jemand gestorben ist, ist man auch in einem Ausnahmezustand, aber ich glaube, mein Motor in diesen dreieinhalb Jahren war die Wut, und dieses Ziel: dass die Welt davon erfährt. Wut kann ja ein wahnsinnig guter Motor sein, und auch so eine Rachsucht, die hatte ich auch in mir.

Es war natürlich auch eine Aufarbeitung und ein Sortieren der verschiedenen Schritte – das war eine strukturierende Arbeit. Und zum Glück habe ich das gleich gemacht, ich habe diese Zeit genutzt, als alles noch frisch war, so konnte etwas entstehen. Ich hätte jetzt zum Beispiel überhaupt keine Lust mehr, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Ich habe das NILS-BUCH auch lange nicht mehr von vorne bis hinten gelesen.

Du hast dreieinhalb Jahre an dem Buch gearbeitet. Hat die Arbeit etwas an der Wut in dir verändert?

Ja, total. Ganz am Anfang, wenn man eine Idee hat zu so einem Buch, dann gibt es Vorgespräche, dann geht man zum Verlag und stellt [das Projekt] vor. Und da haben viele im ersten Moment gesagt: „Aha, das soll so eine Art Selbsttherapie sein?“ Das habe ich immer abgelehnt, das fand ich kacke. [Dann habe ich protestiert:] „Nee, so soll es auf keinen Fall sein. Ich mach das nicht, um mich zu heilen oder irgendwiesowas.“ 

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Im April: Caroline Kraft

»Ein Nein kann viel bewirken.«

 

(c) Franziska Hauser

Caroline Kraft ist Teil des Autorinnenkollektivs »10 nach 8« (zuletzt bei Zeit Online). Ihre Kolumne »Schluss jetzt« erschien in der taz. Zusammen mit Susann Brückner betrieb sie fast sechs Jahre lang den Podcast »endlich. Wir reden über den Tod«, woraus ihre gemeinsames Buch, der Spiegel-Bestseller »endlich. Über Trauer reden« entstand. Im Februar 2025 erschien die von ihr und Elisabeth Wellershaus herausgegebene Anthologie »Politisch, poetisch, polemisch. Texte zur feministischen Gegenwart«.

(c) Franziska Hauser

Wann hast du zum ersten Mal ganz bewusst Nein gesagt?

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