Hier erzählen Frauen.
Im April: Caroline Kraft
»Ein Nein kann viel bewirken.«

Caroline Kraft ist Teil des Autorinnenkollektivs »10 nach 8« (zuletzt bei Zeit Online). Ihre Kolumne »Schluss jetzt« erschien in der taz. Zusammen mit Susann Brückner betrieb sie fast sechs Jahre lang den Podcast »endlich. Wir reden über den Tod«, woraus ihre gemeinsames Buch, der Spiegel-Bestseller »endlich. Über Trauer reden« entstand. Im Februar 2025 erschien die von ihr und Elisabeth Wellershaus herausgegebene Anthologie »Politisch, poetisch, polemisch. Texte zur feministischen Gegenwart«.
(c) Franziska Hauser
Wann hast du zum ersten Mal ganz bewusst Nein gesagt?
Ich habe lange darüber nachgedacht, und das erste richtige Nein, das mir jetzt einfällt, war das Nein zu Ullstein (Anm.: Ullstein Buchverlage). Vorher hat sich eigentlich immer alles so ergeben, da habe ich eben Ja gesagt, habe vieles gar nicht hinterfragt. Ich hab die Schule abgeschlossen, Abitur gemacht, dann wusste ich nicht, was ich studieren sollte. Mein damaliger Freund sagte: Buchwissenschaft wäre doch gut, und dann war es eben Buchwissenschaft. Nach dem Studium begann ich ein Volontariat bei den S. Fischer Verlagen, und danach wurde ich Pressereferentin bei Ullstein. Im Grunde habe ich immer alle Erwartungen erfüllt.
Aus welcher Situation heraus hast du Nein gesagt?
Ich war fünfunddreißig und in einer großen Krise. Ich hatte diese feste Stelle, seit insgesamt sieben Jahren, und das fühlte sich schon lange nicht mehr richtig an. Ich hatte bereits Stunden reduziert und hatte trotzdem immer wieder das Gefühl, im falschen Leben zu stecken. Dann kam dieser Punkt, wo ich gar nicht mehr anders konnte. Mein Körper hatte mir schon lange gesagt, dass etwas nicht stimmte, ich bekam ständig Infekte und war manchmal wochenlang krank. Das innere Nein war schon lange da, und ich hatte es viel zu lange überhört.
Was hat das für dich bedeutet?
Zunächst mal eine große Unsicherheit. Viele meiner Freunde rieten mir damals, den Job nicht aufzugeben. Ein unbefristeter Job in der Verlagsbranche, die Sicherheit. Das aufzugeben, sei verrückt. Ohne einen Plan B. Aber es fühlte sich eben auch an wie meine eigene kleine Revolution.
Heute sehe ich dieses Nein als großen Schritt in die Freiheit. Nichts von dem, was ich heute tue, wäre möglich geworden, wenn ich damals nicht gekündigt hätte. Dieses Nein war für mich der Anfang von allem. Doch das wusste ich damals noch nicht. Ich hörte mit allem auf, ging für ein Jahr in die Arbeitslosigkeit. Ich hatte keine Ahnung, was ich danach tun würde.
Was für ein Gefühl ist das, wenn du heute an dieses Nein zurückdenkst?
Stolz. Ich bin unheimlich stolz.
Kann man Neinsagen lernen?
Ich glaube schon. Mir kommt es vor wie ein Muskel, den man trainieren kann. Heute fällt mir das Neinsagen, auch das radikale Neinsagen, viel leichter als früher.
Aber in meinem Aufwachsen war Neinsagen nichts, wozu ich ermutigt wurde. In meiner Familie, in der Schule schien mir ein Nein nicht gerne gesehen. Ich weiß noch, dass uns selbst im Studium eingebläut wurde, dass wir als Geisteswissenschaftler:innen es schwer haben würden auf dem Arbeitsmarkt, dass wir dankbar sein sollten für jede Chance, die sich uns bietet. Ich glaube, das ist heutzutage anders, zum Glück.
Wo oder wozu wünschst du dir heute ein entschiedenes Nein?
Zu dieser Menschenverachtung, die ich überall beobachte. Das ist natürlich ein politisches Problem unserer Zeit, die AFD, der Rechtsruck in Europa, Donald Trump. Aber es ist auch ein Phänomen, das man im Alltag zu spüren bekommt. Ich bin in den letzten Wochen zwei Mal so angegangen worden in der Bahn, dass ich dachte, jetzt wirst du entweder angespuckt oder verprügelt. Das ist mir in den sechzehn Jahren, die ich mittlerweile in Berlin lebe, noch nicht passiert.
Ein Mal hat mich ein Mann in der Tram angepöbelt, weil er meinte, ich stünde ihm im Weg. Ich habe daraufhin gelacht, und ich glaube, dieses Lachen hat ihn noch mehr aufgebracht. Er hat mich als Schlampe beschimpft, und als ich mich umdrehte, um auszusteigen, hat er mich getreten, in den Rücken.
Das andere Mal war ich in der U-Bahn unterwegs. Ein Junge, vielleicht zehn oder zwölf, hatte versehentlich einen Mann mit Glatze und Tätowierung gestoßen, und der hörte nicht auf, das Kind zu beschimpfen, selbst als der Junge sich bereits entschuldigt hatte. Ich habe den Mann angesprochen: „Haben Sie es nicht gehört? Der Junge hat sich längst entschuldigt.“
Der Mann wandte sich dann gegen mich, er schrie und drehte sich immer weiter rein, in seine Wut, wurde immer aggressiver, Schlampe, Fotze, Faschistin, und ich dachte, gleich schlägt er mich. Das geht nur ein paar Minuten so, aber es kommt dir vor wie eine Ewigkeit.
Ein junger Mann hat sich dann eingemischt: „Wenn Sie jetzt nicht aufhören, rufe ich die Polizei.“
An der nächsten Haltestelle ist der Typ ausgestiegen.
Manchmal kann es einfach sein, ein Nein, und viel bewirken.