Hier erzählen Frauen.
Im Mai: Melanie Garanin
„Ich habe Nein zum Zerbrechen gesagt.“

Melanie Garanin, 1972 geboren, studierte Zeichentrickfilm in Potsdam-Babelsberg und hat schon für viele verschiedene Verlage zahlreiche Kinder-und Jugendbücher illustriert. Für den Carlsen Verlag zeichnete sie alle acht Bände der Kinderbuchreihe »Pippa Pepperkorn« von Charlotte Habersack. Seit sie 2017 begonnen hatte, an ihrer ersten Graphic Novel „NILS“ zu arbeiten, nennt sie sich allerdings Comiczeichnerin und will am liebsten nichts anderes mehr machen. Sie lebt mit ihrer Familie und einem Haufen Tiere bei Berlin.
(Selbstportrait: Melanie Garanin)
Kürzlich, in der Stadtteilbibliothek, fiel mir dein Comic „NILS. Von Tod und Wut. Und von Mut“ auf. Ich fing an zu lesen. Als mir klar wurde, dass du darin vom Tod eures kleinen Sohnes erzählst, wollte ich wieder aufhören, aber ich konnte nicht: Dein Buch ist so berührend und schmerzhaft und schön. Du erzählst auch von der Wut darüber, dass euer Sohn nicht hätte sterben müssen, wenn man in der Charité die richtige Diagnose gestellt hätte. Eure Klage gegen die behandelnden Ärzte blieb erfolglos. Du hast damals einen Comic geschrieben und gezeichnet, anstatt aufzugeben. Wie kam es dazu – und wie hast du das geschafft?
Ich habe Ende 2016 oder Anfang 2017 angefangen, das Buch zu schreiben. Da war alles schon gelaufen. Wir haben Schmerzensgeld bekommen, wir haben geklagt, die Klage wurde abgewiesen und wir standen da und hatten nichts erreicht und es war nichts passiert. Das war wie ein abgeschlossener Kreislauf. Und dann haben wir gesagt, jetzt, wo eigentlich alles vorbei ist, möchten wir, dass die Welt davon erfährt. Wir wollten das an die Öffentlichkeit bringen. Ich habe so sehr versucht, die Presse auf unsere Geschichte aufmerksam zu machen, aber keiner hat sich dafür interessiert. Es gab schon mal einen kleineren Artikel, aber keiner hat sich da so richtig dran getraut. Journalisten sagten uns, in das Thema müsse man so tief reingehen, das sei teuer, und dann müsse man auch alles beweisen, das sei nicht ungefährlich, eine so große Klinik und so weiter.
Damals sagte eine Freundin von mir, die selber Journalistin ist und Filmemacherin: „Mach du es doch. Erzähl die Geschichte selbst, so wie sie war, dann kann dir auch niemand reinreden.“
Ich erinnere mich nicht mehr so genau – das ist schon sieben, acht Jahre her, und so kurz, nachdem jemand gestorben ist, ist man auch in einem Ausnahmezustand, aber ich glaube, mein Motor in diesen dreieinhalb Jahren war die Wut, und dieses Ziel: dass die Welt davon erfährt. Wut kann ja ein wahnsinnig guter Motor sein, und auch so eine Rachsucht, die hatte ich auch in mir.
Es war natürlich auch eine Aufarbeitung und ein Sortieren der verschiedenen Schritte – das war eine strukturierende Arbeit. Und zum Glück habe ich das gleich gemacht, ich habe diese Zeit genutzt, als alles noch frisch war, so konnte etwas entstehen. Ich hätte jetzt zum Beispiel überhaupt keine Lust mehr, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Ich habe das NILS-BUCH auch lange nicht mehr von vorne bis hinten gelesen.
Du hast dreieinhalb Jahre an dem Buch gearbeitet. Hat die Arbeit etwas an der Wut in dir verändert?
Ja, total. Ganz am Anfang, wenn man eine Idee hat zu so einem Buch, dann gibt es Vorgespräche, dann geht man zum Verlag und stellt [das Projekt] vor. Und da haben viele im ersten Moment gesagt: „Aha, das soll so eine Art Selbsttherapie sein?“ Das habe ich immer abgelehnt, das fand ich kacke. [Dann habe ich protestiert:] „Nee, so soll es auf keinen Fall sein. Ich mach das nicht, um mich zu heilen oder irgendwiesowas.“
Aber im Endeffekt ist es dann natürlich so passiert. Gerade wenn ich an den Schluss denke. Ich habe das letzte Kapitel kaum vorgezeichnet, und dachte immer, ich zeichne die ersten Kapitel durch und heb mir das letzte für den Schluss auf. Weil ich mich so gefreut habe auf diese Schlacht. Ich hatte recherchiert und mir echt so Ritterschlachtenbilder runtergeladen und hatte vor, da hinzugehen, in den Park der Charité, und live zu zeichnen mit dem ganzen Gefühl und allem, was dann spontan aus mir raus fließt. Und das war ganz interessant: Ich bin dann wirklich hingefahren und hab mich in die Mittelallee gesetzt, das ist ja ein großer Park und auch sehr malerisch, und dann saß ich da und alles war verpufft. Das war so ein Moment, wo ich gemerkt habe, ok, ich habe keine Lust, eine Schlacht zu zeichnen. Ich habe sie dann bewusst nicht gezeichnet sondern bisschen drumrum und auch etwas leer gelassen, und trotzdem war es danach für mich gut. So habe ich mein Ende selber erfunden, das war richtig gut, ein guter Schachzug. Ich habe keine Therapie gemacht oder so, aber ich habe mir selber etwas Gutes getan, mit dem Buch.
Das hat mich komplett verändert, ich bin dafür sehr dankbar.
Dann hattest du danach neue Möglichkeiten?
Ja, für mich hat das viel gelöst. Und dann kam noch etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte, nämlich, dass sich mir eine neue Welt eröffnet hat: die Welt des Comics. Trotz Corona hatte ich gleich Interviews und Lesungen, das war eine neue Art der Arbeit, eine andere Freiheit und Öffentlichkeit. Als Kinderbuchillustratorin hat man das nicht so.
Du sagtest eingangs, du wolltest, dass die Welt davon erfährt, was euch passiert ist. Ist es so gekommen, wie du es dir gewünscht hast?
Ja, ich glaube, ich habe mehr erreicht und geschafft, als es etwa eine Doppelseiten-Reportage in der FAZ je gekonnt hätte. Das war viel nachhaltiger, so ein Buch, es steht noch immer in Bibliotheken und in den Regalen der Buchläden. Ich weiß auch, dass es den Weg in die Klinik und zu den Ärzten gefunden hat, auch wenn die sich nicht bei uns gemeldet haben. Ich bin mir sicher, dass es eigentlich alle gelesen haben dort.
Warum?
Ich glaube, es hat sich mal eine Pflegerin oder ein Pfleger gemeldet, ein Mal auch eine Ärztin, die später dazu gekommen war? Oder es waren Gerüchte, keine Ahnung.
Warum erzählen viele Comics von Unrecht und der Auflehnung dagegen?
Ehrlich gesagt, das weiß ich nicht. Ich glaube, oft entstehen Comic-Debuts, weil Leute etwas aufarbeiten wollen, dann ist es oft ein biographisches Ding. Ich glaube, dass man mit Bildern schwierige Dinge gut erzählen kann … oft gelingt das gut.
Liebe Melanie, ich danke dir für das Gespräch.
Gerne – aber halt: Ich frage mich, wo ist jetzt eigentlich das Nein? Du bloggst doch über das Neinsagen.
Das stimmt. Hast du noch ein großes Nein für mich aus deinem Leben?
Ja: Ich habe echt eeewig nachgedacht, ein paar Tage, und dann fiel es mir vorhin ein:
Ich habe wirklich sehr bewusst und groß und entschieden Nein gesagt, den Rest meines Lebens der Trauer zu widmen. Nicht, dass ich die Trauer selbst verneine, das geht ja nicht, die wird immer Teil von mir sein. Und immer in meiner Arbeit und meinem Leben vorkommen.
Aber als sich zwei Wege zeigten: Zerbrechen oder Weitermachen, habe ich Nein zum Zerbrechen gesagt.
Mein bestes Nein.
Im September 2025 erscheint Melanie Garanins neues Buch „Mein Freund Rilke“ im Carlsen Verlag.