Ich war Ende dreißig, als ich einen Tag und eine Nacht lang ›Game of Thrones‹ bei meiner Freundin schaute. Sie wohnte in einem Altbau, vierter Stock, und draußen vor den Fenstern rauschte Herbstwind in den Baumkronen.
Eine junge Frau mit sehr blondiertem Haar hielt zahme Drachen, Untote trabten auf Schimmeln Richtung Süden und alle redeten davon, dass bald der Winter käme.
Als ich mich schließlich widerwillig von der Couch erhob, vergaß ich den HBO-Streifen, in dem ich mich verpuppt hatte.
Erst ein Jahr später dachte ich wieder daran. Draußen herrschten Minusgrade und ich stand in einer anderen Stadt in einem Eckladen mit Backwaren und Meze. Vor mir griff der Thronerbe von Westeros nach einer Butterbreze.
Groß und bärtig, schön, sah er mich freundlich an. Ich glaube nicht an Auren, aber seine wäre dunkelrot und goldfarben.
»Ein Winterkind«, bemerkte er.
Ich nickte. Und wollte plötzlich weinen.
Wir waren beide fremd, ich mit meinem Körper, der schon jemand anderes Zuhause war, und er hier, hinter der Bäckertheke.
Von nun an kam ich jeden Tag.
Irgendwann erzählte er, dass er noch mal Vater werden wolle. Seinem Sohn sei er, damals noch zu jung, bestenfalls ein Freund gewesen. Ich spürte, wie das Kind in meinem Bauch herumturnte.
Nach Neujahr fiel meterweise Schnee.
Die ganze Stadt versank darin und unser LoHas-Viertel war wie leergefegt. Ich lauschte auf das Schlagen eines Kinderherzens.
Als der Schnee schmolz, stapfte ich in Moonboots und mit Tragetuch die Straße lang, zur Bäckerei. Er gab mir einen Geldschein für das Neugeborene und sagte einen Segensspruch. Ich verstand ihn nicht, aber er klang nach einer alten Macht, deren Gunst das kleine warme Leben sicher brauchen konnte.
Das Frühjahr über half ihm ein schmaler Junge in der Bäckerei, den ich auf fünfzehn, höchstens sechzehn Jahre schätzte und nicht sonderlich geschickt fand.
An einem Tag im Juni war er aufgebracht. Man habe den Jungen abgeschoben, sagte er, und der habe noch vom Flughafen aus angerufen, um fünf Uhr in der Früh. Man habe ihm Elektroschocks versetzt, die Hände festgebunden.
Ich sah den dünnen Jungen vor mir und entschied, dass ich nicht weiter fragen würde.
Eine Weile aß ich keine Brezn mehr.
Als ich wieder in den Laden ging, war er nicht mehr da.
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