Mit Mitte vierzig war meine Ballettzeit lang vorbei. Ich träumte nicht mehr vom Herumschweben und Hin- und Hergeworfen werden. Die Schwerkraft war mir fast ein bisschen lieb geworden. Und dann war da eine Traurigkeit, die ich nicht ganz verstand; ich wusste nicht einmal, wo sie zuhause war – im Kopf oder den Füßen, im Bauch oder mehr in der Brust.
Irgendwann begriff ich, dass sie einen Ort brauchte.
Dem Tango hatte ich immer misstraut. Ich mochte keine Bilder von halbnackten Frauen, die sich irgendwie verrenkten, während die Männer Anzug trugen und mit jeder Pose Lässigkeit verströmten. Andererseits hatte ich gelesen, Tango sei ein trauriger Gedanke, den man tanzen könne.
Vielleicht ein Ort für meine Traurigkeit.
Ich musste es versuchen.
In der ersten Tangolesson schob mich ein Mann, der an Christopher Reeves als Superman erinnerte, mit starken Armen über das verschrabbelte Parkett. Nach einer ganzen Weile bat er höflich und mit vollkommenem Ernst: „Could you try to have some fun?“
Eine Woche später stürzte ich einen zierlichen Ungarn in die völlige Verzweiflung. Während wir tanzten, hörte er nicht auf zu schimpfen. Es ging um die Seele des Tangos und um mich, beziehungsweise um mein Unvermögen, mich so auf seine schmale Brust zu konzentrieren, wie es die Rolle der Frau verlangt.
Sieben Tage später tauschten wir. Wir Follower (nur Frauen, ausnahmslos) durften die Leader-Männer durch den Raum schieben.
Ich schob Christopher Reeves.
Und spürte, wie plötzlich das Lachen in mir aufstieg.
Das ist mehr als ein Jahr her. Ich geh nicht auf Milongas, wo Männer Frauen mit Cabaceo zu einer Tanda auffordern.
Ich trage keine Röcke, die den Po betonen.
Und ich hasse den Hollywood-Tango-Klassiker „Der Duft der Frauen“.
Ich mag es nicht, wenn Männer zu mir sagen, ich solle „einfach fühlen, statt zu denken“.
„Was fühlst du?“, will ich zurückfragen.
Ich wundere mich auch über die Bilder, die sie für mich haben: meine Beine sollten wie Spaghetti sein an einer Gabel, sagte kürzlich einer. Darüber musste ich nachdenken.
Ein anderer rät mir gern: „Sei eine Königin.“
Wenn ich wüsste, wie.
„Du solltest an deiner Umarmung arbeiten“, sagt mein Tanzlehrer.
Tangotanzen ist komplex.
Kürzlich tanzte ich Milonga (schnellen Tango im Zweivierteltakt) mit einem Mann, der aussieht wie ein Ire, aber keiner ist. Und da, plötzlich, passierte das, worauf ich so lange gewartet hatte. Da kam meine Traurigkeit heraus.
Ich hatte endlich einen Ort für sie gefunden.
„Beim Tango dürfen Frauen noch Frauen sein. Und Männer noch Männer“, hört man oft.
Wenn ich Tango tanze, bin ich keine Königin und ich weiß nicht recht, wie man sich wirklich fraulich fühlt.
Wenn ich tanze, bin ich ein glücklicher Embryo im Fruchtwasser.
Dann möchte ich Christopher Reeves fragen, ob er sich wie Wasser in einem dicken Bauch fühlt.
Wäre das nicht schön?