„Und was sagen Sie zu der neuen Küche?“, fragt Frau D., an mich gewandt. Frau D. ist Therapeutin und wir bilden ein Dreieck in dem hellen kleinen Raum im Bahnhofsviertel, sie, mein Freund und ich.
Nach einer Pause höre ich mich sagen:
„Früher, wenn ein Deich gebaut wurde, am Meer, haben die manchmal einen kleinen Hund geopfert. Lebendig haben die den in die Deichgrube geworfen. So fühlt sich das an. Als hätten wir etwas Lebendiges geopfert. Wieviel wir gestritten haben.“
Später, bei den Rädern, fragt er: „Warum hast du das gesagt?“
Dann sagt keiner mehr etwas.
Dabei geht es nicht um eine Küche, es geht um den verfluchten Deich, an dem wir schon so lange bauen. Um das, was wir geopfert haben.
Kleine Hunde in die Grube.
Unterwegs zum Kindergarten fällt mir ein, woher das Bild gekommen ist.
Storms Schimmelreiter.
„Es muss was Lebigs in den Deich“, raunen die Arbeiter in ihrem Aberglauben, als Deichgraf Hauke Haien das Tier vor dem Tod im Deichgraben bewahrt. Das Hündchen lebt. Fallen wird der Deichgraf, mit ihm die Vernunft.
Ich googele „KLEINE HUNDE DEICHOPFER“ und habe keinen Treffer. Das mit den Hundeopfern und den Deichen ist bloß Dichtung.
Storms „Schimmelreiter“ las meine Mutter uns im Nordseeurlaub vor, früher, wenn auf Föhr der Wind ins Reetdach fuhr. Ich fand Hauke Haien schicksalhaft und schön, den unglücklichen Deichherrn, der mit seinem Schimmel nachts über den Deich jagte.
Heute tut Haien mir leid.
Der war vermutlich 40, als er anfing, schwach zu werden. Seine Frau und er schwiegen sich an, das Kind war nicht so, wie der Schwiegervater wollte, und der Erfolg, den Hauke hundertfach verdient hatte, blieb aus, nur, weil sein klarer Kopf bei einem Haufen dummer Deichbauern nicht zählte. Er fing an sich zu belügen, wurde träge, bang. Nachts plagten ihn Albträume von Dammbrüchen und Untergang (von Klimakrise und KI, vom Krieg im Nachbarland, der AFD, und wer hat eine Ente auf den Tron gesetzt? …), vom Fremdsein, immer fremder werden. Also verschloss er sich.
Als es endlich so weit war, als der Damm brach, den er nicht erneuerte hatte, ließ Hauke sich fallen.
Ich glaube nicht, dass er geschrien hat.
Er wurde hin- und hergeworfen, sank. Aber Ruhe war ihm nicht gegönnt: Mit seinen bleichen Knochen muss er noch und immer wieder auf den Damm, sobald sich was zusammenbraut, die Leute warnen vor dem Untergang, in jeder dusseligen dunklen Nacht.
Hauke Haien hat das Glaubensopfer unterbunden. Dafür verriet er sich.
Wenn da keine Mächte sind, die unser Opfer wollen, könnte Opferbringen heißen: bei sich bleiben. Streiten, reden, weiterlieben, denken, streiten, weiterlieben, weiterstreiten, auch wenns weh tut. Beisichbleiben.
Und wenn es irgendwann so kommt, wenn nichts verfängt, nichts fruchtbar war, wenn also das Meer sein dummes Maul, dann fällt man halt, dann geht es langsam immer tiefer bis zum Grund.
Aber wäre das der Untergang?
Sanft schwebt man hinab
und darf
am Grunde
ruhn.
Bald ist April, dann backen wir ein Osterlamm.
„Ja, ich mag die neue Küche.“
Ja.
Danke, Alice. Ich bin berührt von deinem Text und das musikalische Intro ist wunderbar.
Weiter streiten, weiter lieben, bei sich bleiben 🙏