Eine alte Papierfabrik

Das Haus, in dem ich arbeite, war früher eine Papierfabrik. Als wir vor vielen Jahren einzogen, verlegte man die alten Kastenfenster von außen ins Hausinnere. Jetzt haben die Flure Augen, die nach innen blicken und in schweren Schränken lagern Akten.

„Hier riecht es nach Leichen“, sagt meine Kollegin, wenn sie mein Büro betritt. Manche Akten duften süßlich nach Parfum, andere nach kaltem Rauch und Einsamkeit, und über allem liegt der feine Moder von altem Papier.

Es war ein paar Tage vor Weihnachten, und ich sollte Akten aussortieren. Platz für Neues schaffen. Viele Akten hingen schon Jahrzehnte hier und der oder die Antragstellende würde inzwischen längst verstorben sein.

Das Haus war ungewöhnlich still und roch nach der zweimeterhohen Fichte, die so prächtig ausgesehen hatte und nun schon vor dem Fest die Äste hängen ließ und Nadeln abwarf.

Am Empfang stand eine Kerze, weil jemand aus der alten Zeit gestorben war.

Wir brauchten mehr Platz in den Schränken.

Eine Vorauswahl traf ich anhand der Daten: Akten von Antragstellenden, die zwischen 1920 und 1925 geboren waren, legte ich beiseite. Dann die Jahrgänge vor 1935: Ich zog eine Akte heraus und blätterte darin.

Ich sollte googeln, ob es eine Traueranzeige gab – aber etwas hielt mich auf.

Das letzte Anschreiben. Jemand hatte es mit Schreibmaschine aufgesetzt, Wort- und Satzfehler sorgfältig mit Tipp-Ex weiß gemacht. Ich kratzte mit dem Fingernagel an der weißen Farbschicht. Das kleine e der Schreibmaschine war verrutscht, sodass das Schriftbild unruhig wirkte.

Es war ein Brief an eine Sachbearbeiterin; ein Brief an mich, wenn man so wollte. Wer, wenn nicht ich, sollte ihn lesen? Vermutlich würde ich erfahren, wie mühsam alles war. Meist ging es ums Weiterleben trotz widriger Umstände. Wer sich an uns wandte, brauchte Hilfe.

Dieser Brief war überraschend knapp gehalten und darunter stand: „Ich schreibe weiter.“

„Weiterschreiben“ war keine Bedingung für die Antragstellung. Trotzdem stand es da, statt einer Abschiedsformel, nach zwei Leerzeilen. Mir fiel das Pling der Schreibmaschine ein, das ich spätabends aus dem Nebenzimmer hörte, früher, wenn meine Mutter beim Abtippen von Gutachten ans Zeilenende kam. Deutlich hörte ich das Pling, zwei Mal.

Ich begriff, dass dieser fünfzig Jahre alte Brief an mich gerichtet war.

Dieses seltsame Versprechen da galt mir.

Google wusste nichts von einer Traueranzeige. Nichts, was auf den Tod hindeutete.

Aber dem Geburtsjahr nach war es kaum möglich …

Zögernd legte ich die Akte in die Kiste zu den anderen. Sie kämen in einen kleinen Raum, den niemand je betrat und zu dem nur wenige Schlüssel im Haus kursierten.

Im Treppenhaus wurde der Geruch von Fichtennadeln stärker.

Die Akten in meinem Arm fühlten sich merkwürdig lebendig an.

Auf der ersten Betriebsversammlung im Januar versprach man uns, dass die elektronische Akte kommen würde.

Unsere Korrespondenz erledigt bald KI.

Dann wird das alte Haus seinen Geruch verlieren.

Aber – nein – das wird nicht das Ende sein.

Das alte Haus hat Augen, die nach innen blicken und in einem kleinen Raum, den niemand je betritt, im Halbdunkel, in einer Akte, ist ein Brief an eine Sachbearbeiterin.

„Ich schreibe weiter“, steht darin, anstelle eines Abschiedsgrußes.

 

 

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*